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Marelli-Schließung trifft die gesamte Region

Aus für Scheinwerferproduktion nach 78 Jahren

Die Ampel stand in der Vergangenheit schon mehrfach auf Gelb bei der Marelli Automotive Lighting Brotterode GmbH, wenn Stellenabbau drohte. Doch als sie im Frühjahr letzten Jahres auf Rot umgesprungen ist, war das mehr als ein donnernder Paukenschlag und für die Beschäftigten die bittere Gewissheit, dass das Werk zum 31. März 2024 endgültig geschlossen wird. Und das mit gravierenden Folgen für die gesamte Wirtschaftsregion.

Marelli-Werk in Brotterode schloss am 31. März 2024

Ende März gehen am Marelli-Standort in Brotterode im doppelten Wortsinn die Lichter aus. | Foto: Constanze Koch

Wenn Ende des Monats das Licht im Werk ausgeht, stirbt nach 78 Jahren die Scheinwerferproduktion am Fuße des Großen Inselbergs gänzlich. Unter den Firmennamen FER, Bosch, Automotive Lighting und Marelli hatte der Betrieb in Brotterode zwar eine wechselvolle Geschichte, war aber immer attraktiver Arbeitgeber und seit 1999 mit gut 1000 Beschäftigten größter Industriebetrieb Südthüringens. Für die aktuell noch 600 Stammbeschäftigen und 200 Zeitarbeiter ist das Aus besiegelt.

Attraktiv war Automotive Lighting als Zulieferer für alle namhaften Automobilhersteller, vorrangig im Premiumsegment. Viele der weltweit innovativsten Frontscheinwerfer wurden hier entwickelt und produziert. Dafür gab es zweimal den Thüringer Innovationspreis, zuletzt 2022. Und die Reihe lässt sich mit international beachteten und Kundenauszeichnungen fortsetzen.

Marelli Schließung hat wirtschaftliche Folgen

Gründe, dass sich Marelli gegen Brotterode entschieden hat, gibt es mehrere. Obwohl rentabel, wird das Werk geschlossen. Nichts desto trotz, die Automobilbranche habe sich auch drastisch geändert, räumt Steffen Nitz ein. „Die Wachstumsmärkte befinden sich außerhalb Europas in Asien und Mittelamerika.“ Daran orientiere sich ein international geführter Konzern wie Marelli, schon aus Wettbewerbsgründen. „Die hohen Lohn- und Energiekosten in Deutschland tun ihr Übriges. Allein die Stromkosten liegen beim Dreifachen der Vor-Corona-Zeit.“ Dazu kommen die bürokratischen Hürden, die unternehmerische Vorhaben erschwerten. Dass sich nach redensartlich geschlossenen Türen neue öffnen, mag angesichts aktueller Aussichten nur schwer vorstellbar sein. Zu fatal sind die wirtschaftlichen Folgen, die sich mit konkreten Zahlen belegen lassen: Im Umkreis von 100 Kilometern sind über 100 kleine und mittelständische Unternehmen mit mehr als 4000 Arbeitsplätzen direkt abhängig und damit von der Schließung betroffen, größtenteils im Landkreis Schmalkalden-Meiningen. Auf diese Weise flossen jährlich etwa 10 Prozent des Gesamtumsatzes zurück an Thüringer Zulieferunternehmen und Dienstleister. Und wenn die Werkstore geschlossen bleiben, trifft das natürlich die Stadt Brotterode-Trusetal, die vermutlich auf längere Sicht zusätzlich mit einer Industriebrache leben muss.

Rettungskomitee für die Zukunft des Standortes

Um dem aus eigener Kraft entgegenzuwirken, hatte sich letztes Jahr, sofort nach der Verkündung, dass der Konzern das Werk in Brotterode aufgibt, eine fünfköpfige freiwillige Arbeitsgruppe zusammengefunden und ringt seither leidenschaftlich für eine Zukunft des Standortes. „Wir wollten die Situation nicht einfach hinnehmen aber auch keine wertvolle Zeit verlieren, um einen neuen Investor zu finden“, blicken die Ingenieure Mathias Metz und Steffen Nitz, die Köpfe der Gruppe, zurück. Ihr größter Trumpf dabei: die Fachkräfte – hochqualifiziert, mit ausgewiesenen Kompetenzen in der Entwicklung und Fertigung von anspruchsvollen Produkten und bereit, ihre Fähigkeiten neue, auch gänzlich andere, Entwicklungs- und Produktionsprozesse einzubringen.

Auf ihrer Suche putzen die beiden Ingenieure bis heute regelrecht Klinken, recherchieren in der Industrielandschaft, telefonieren, führen Gespräche, schreiben Briefe, laden ein. Oft kamen Metz und Nitz nicht weiter als zur Pforte. Aber mit gut 50 potentiellen Interessenten fanden zumindest Gespräche statt. Die Kontaktliste ist lang, die Mathias Metz vor sich liegen hat – vom regionalen Mittelständler über prominente Schwergewichte in der Industrie, die auf der Suche nach Mitarbeitern und Fertigungskapazitäten sind, bis hin zu einem indischen Investor, der bereits in München mit 3000 Beschäftigten angesiedelt ist. Dieser wollte sich, ebenso wie ein innovatives Start-up mit großem Flächenbedarf, die Gegebenheiten vor Ort anschauen. „Etwa zu diesem Zeitpunkt traf die Bundespolitik Entscheidungen, die so viel Verunsicherung in der Wirtschaft schürten, dass sich die Unternehmen Investitionen in Deutschland noch genauer überlegen“, bringt Mathias Metz das zögerliche Abwägen von Interessenten auf den Punkt.

Auf der Suche nach Investoren steht die Arbeitsgruppe im engen Kontakt mit der Wirtschaftsförderung des Landkreises Schmalkalden-Meiningen und mit Landrätin Peggy Greiser, Bürgermeister Kay Goßmann und der LEG Thüringen.

Was passiert mit den ehemaligen Marelli-Beschäftigten?

Wo ist also das Licht am Ende des Lichtkanals, um sprachlich im Metier zu bleiben? Einerseits gibt es zwar einen mit dem Management zäh verhandelten Sozialtarifvertrag. Andererseits wiegt das den Verlust des eigenen Arbeitsplatzes keineswegs auf.

Ja, Fachkräfte werden in Thüringen händeringend und branchenübergreifend gesucht – gut ausgebildete und versierte Fachleute zumal. Da sollte es für die meisten kein Problem sein, wieder Fuß zu fassen. Oder doch? Das Interesse von Unternehmen ist natürlich da, einzustellen, und auf diese Weise einen gewissen Nutzen aus der Werksschließung zu ziehen. Problem nur: Egal, ob Facharbeiter oder Ingenieur – die tariflichen Entgelte eines Automobilzulieferers und die Entlohnung in den hiesigen Unternehmen klaffen in der Regel weit auseinander. Produzierende Mittelständler sollten wohl noch die besten Chancen auf Fachkräftezuwachs haben, zumal viele Marelli-Mitarbeiter auch längere Arbeitswege nicht scheuen.

Und die Immobilie in Brotterode? Einer Industrieansiedlung steht auch nach der Firmenschließung nichts im Wege. Die Produktionsstätte verfügt über entsprechend großzügige Produktions- und Lagerflächen, ein Bürogebäude und Erwei­terungs­flächen.

Zukunft der ehemaligen Marelli-Produktionsstätte

Realistisch gesehen liegt die Zukunft eher darin, einen Gewerbepark anzusiedeln und mehreren kleineren und mittleren Unternehmen eine Kapazitätserweiterung oder Neugründung zu ermöglichen. Selbst Dienstleister finden in den zahlreichen Büroräumen gute Arbeitsbedingungen. Die Vorteile eines derartigen Modells liegen auf der Hand – eine gewinnbringende Vernetzung untereinander, das Potenzial, nach Bedarf wachsen zu können, oder aber gemeinsam Ressourcen zu nutzen. Und dafür stehen wenigstens im nächsten halben Jahr auch noch Fachkräfte bereit, die an der alten Arbeitsstätte neue Aufgaben übernehmen könnten. Mit neuen Ideen und Akteuren käme dann auch wieder Licht ins Dunkel der bevorstehenden Werksschließung. (Constanze Koch)

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