Lesedauer: 3 Minuten
Zwei Projekte, die beispielhaft sein können
Wärmewende in Thüringen
Die Wärmewende – oft politisch belastet, abstrakt, technisch und schwer greifbar – bekommt in Thüringen derzeit ein sehr konkretes Gesicht. Zwischen Rhön und Ostthüringen entstehen Projekte, die zeigen, wie regionale Kreisläufe, mutige Kommunen und technologische Offenheit eine neue Wärmeinfrastruktur formen können. Es ist jene Art von pragmatischer Pionierarbeit, die man durchaus als „leise Revolution“ beschreiben könnte: unspektakulär im Auftreten, aber mit enormem Potenzial für die Energiezukunft des Landes. Schauen wir uns zwei Projekte aus der Nähe an.
Foto: Stefan Weis – stock.adobe.com
Geisa: Wärmewende ohne Windrad – aber mit Ideenreichtum
Ausgerechnet in Geisa, der Rhönstadt mit strengen naturschutzrechtlichen Grenzen, entsteht ein Labor der Energiewende. Windräder sind tabu, große Photovoltaikflächen kaum durchsetzbar. Doch statt den Kopf zu senken, sucht die Kommune nach dem, was vor der eigenen Haustür liegt: Biomasse, landwirtschaftliche Reststoffe, Grünschnitt, biogene Abfälle.
Gemeinsam mit dem Institut für Biogas, Kreislaufwirtschaft & Energie (IBKE) aus Weimar erprobt Geisa, wie sich Biogas und Biomethan in ein modernes kommunales Wärme- und Energiekonzept einflechten lassen.
Der Ansatz ist mehr als nur ein Forschungsprojekt. Er ist ein Gegenentwurf zu zentralistischen Energiearchitekturen. In der Rhön, wo Stromnetze dünner und Transportwege länger sind, könnte eine neue Biogasanlage nicht nur Wärme liefern, sondern auch Wertschöpfung binden und landwirtschaftliche Betriebe stärker in die Energiewirtschaft integrieren. Die geplanten Informationsveranstaltungen für regionale Landwirte sind ein erster Schritt in diese Richtung.
Aktuelle Studien sprechen dieser Strategie Rückenwind zu: Die Kombination aus flexiblen Biogasanlagen, saisonalen Speichern und dezentralen Nahwärmenetzen gilt bundesweit als ein entscheidender Baustein, um Dunkelflauten auszugleichen und fossile Wärmeerzeugung zu ersetzen. Vor allem im ländlichen Raum wird Biomethan zunehmend als systemrelevanter Energieträger betrachtet.
Schmölln: Aus Abwasser wird Nahwärme – ein Modell mit Vorbildcharakter
Während Geisa auf biogene Kreisläufe setzt, zeigt Schmölln, wie Abwärme aus Kläranlagen zur unscheinbaren, aber hocheffizienten Schatzquelle werden kann. Seit dem vergangenen Jahr speist die Abwärme des Klärwerks über eine neue Energiezentrale – ausgestattet mit Wärmepumpe, Pufferspeicher und einem zwei Kilometer langen Nahwärmenetz – öffentliche Gebäude und Haushalte. Die Rechnung geht auf: Rund 175 Tonnen CO₂ spart die Stadt jährlich ein, und die Entkopplung von fossilen Preisschwankungen macht sich auch bei den Heizkosten bemerkbar.
Dass das Land Thüringen 3,2 Millionen Euro in das Modellprojekt investiert hat, überrascht kaum. Fast jede Kommune verfügt über ein Klärwerk – und damit über ein bislang gering genutztes Potenzial. Bundesweit gilt die Abwasserwärme inzwischen als eine der vielversprechendsten Quellen für klimaneutrale Nahwärme. Die Kombination aus Wärmepumpen und intelligenten Netzen verbessert die Energiebilanz, ohne zusätzlichen Flächenverbrauch, ohne langwierige Genehmigungsverfahren.
Der neue Wärmerealismus: lokal denken, regenerativ handeln
Was beide Orte verbindet, ist ein strategischer Paradigmenwechsel. Die kommunale Wärmewende entsteht nicht mehr ausschließlich im Spannungsfeld großer Technologien wie Wasserstoff oder Tiefengeothermie. Sie wächst aus dem, was verfügbar ist: biogene Reststoffe, Abwärme, kleinteilige Netze, digitale Steuerung. Und sie lebt davon, dass Kommunen Verantwortung übernehmen – nicht als Bittsteller, sondern als Gestalter. Unterdessen sind im Freistaat noch weitere und ähnliche Projekte in Planung.
Deutschlandweit zeichnet sich ein Trend ab, der Thüringen in die Karten spielt: Der Fokus verschiebt sich zu regionalen Wärmeverbünden, zu Speichern in Kombination mit Wärmepumpen, zu Sektorkopplung auf Quartiersebene. Gerade ländliche Regionen, lange als Randzonen des Energiesystems betrachtet, werden zu Experimentierfeldern mit Modellcharakter.
Im Kern erzählt die Wärmewende eine einfache Geschichte: Wandel gelingt dort am besten, wo er nah an den Menschen bleibt. Wo Kläranlagen zu Wärmequellen werden. Wo landwirtschaftliche Reststoffe zu Energieträgern reifen. Wo Kommunen anfangen, sich selbst als Energieakteure zu verstehen. Thüringen zeigt gerade, dass die Zukunft der Wärme nicht unbedingt laut sein muss. Sie braucht keine spektakulären Großprojekte – nur Lösungen, die im Alltag funktionieren.
