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Energiestraßen in Thüringen

Wo Autobahn und Bahnlinie zu Solarachsen werden könnten

Thüringen verfügt entlang seiner Autobahnen und Bahnstrecken über ein bislang weitgehend ungehobenes Potenzial für die Energiezukunft. So sieht es eine aktuelle Analyse der Landesenergieagentur ThEGA, beauftragt durch das Thüringer Umweltministerium. Sie zeigt: Die Verkehrsadern des Freistaates könnten zu kraftvollen Stromlieferanten werden.

Symbolbild Bildquelle adobe stock

Thüringens Energieminister Tilo Kummer bewertet die Ergebnisse als wichtigen Impuls für die Energiewende im Land. Der Ausbau müsse mit Augenmaß erfolgen, betont er – dort, wo Infrastruktur ohnehin bereits in Natur und Landschaft eingreift. Auf wertvollen Agrarflächen hingegen sollten nur Anlagen entstehen, die die Produktion von Nahrungs- und Futtermitteln weiterhin ermöglichen. „Wir brauchen verlässliche Daten, die Kommunen und Wirtschaft gleichermaßen stärken“, sagt Kummer. „Die ThEGA liefert genau diese Grundlage.“

Das Potenzial überrascht

Die Dimension des Potenzials überrascht selbst Branchenkenner. 338 Thüringer Gemeinden standen im Fokus der Untersuchung, über 675 Kilometer Autobahn und 1.742 Kilometer Bahnstrecke hinweg – zusammengenommen rund 2.051 Quadratkilometer. Auf 589 Quadratkilometern davon wäre Freiflächen-Photovoltaik prinzipiell machbar. Besonders die Landkreise Sömmerda, Eichsfeld und der Ilm-Kreis fallen mit hohen Flächenreserven auf. Doch auch urbane Zentren wie Erfurt oder Gera zeigen, dass die Energiewende nicht nur auf dem Land stattfindet.

Für Thüringens Kommunen eröffnet diese Analyse gleich zwei Perspektiven: Gestaltungsmacht und neue Einnahmequellen. Denn sie sind es, die im Rahmen der Bauleitplanung entscheiden, wo Solarparks künftig entstehen dürfen. Zum ersten Mal steht ihnen dafür ein detailliertes digitales Flächeninventar entlang der Verkehrswege zur Verfügung – inklusive Informationen zu potenzieller Leistung, Ertrag und Eigentumsstrukturen. „Wir versetzen die Kommunen in die Lage, selbst aktiv zu planen, statt nur auf Anfragen von Projektierern reagieren zu müssen“, sagt ThEGA-Geschäftsführer Prof. Dieter Sell. Wer seine eigenen Potenziale kennt, kann Flächen gezielt entwickeln, Projekte initiieren oder an geeigneter Stelle Investorinnen und Investoren ansprechen.

Ausbau kann sich lohnen

Auch wirtschaftlich kann sich der Ausbau lohnen. Kommunen können selbst Betreiber von Solarparks werden oder Flächen an Projektentwickler verpachten. Nach § 6 EEG profitieren sie zudem von einer direkten Beteiligung von bis zu 0,2 Cent pro eingespeister Kilowattstunde. Zusammen mit Pachteinnahmen und Gewerbesteuern entsteht ein Einnahmemix, der kommunale Haushalte langfristig stabilisieren kann. Und die Menschen vor Ort profitieren ebenfalls – über lokale Stromangebote von Energiegenossenschaften, kommunale Beteiligungsmodelle oder direkte Vergünstigungen auf den Strompreis.

Begleitung durch die Landesenergieagentur

Die ThEGA begleitet diese Entwicklung mit Schulungen und individueller Beratung. Für die Analyse wurden ausschließlich Flächen berücksichtigt, die im Rahmen der Bauleitplanung realisierbar sind oder nach Baugesetzbuch als privilegierte Bereiche gelten. Konfliktzonen wie Vorrangflächen für Landwirtschaft oder Industrie sowie Schutzgebiete und Siedlungsbereiche wurden bewusst ausgeschlossen. Alle untersuchten Kommunen waren am 27. November zur Online-Schulung eingeladen und erhielten anschließend ein detailliertes Potenzialprofil, das exakt zeigt, welche Flächen geeignet sind und welche Erträge möglich wären. Zudem unterstützt die Landesenergieagentur bei Vertragsgestaltung, Planung und Projektentwicklung – ein Gesamtpaket, das Kommunen vom ersten Orientierungsschritt bis zum fertigen Projekt begleitet.

Günstigen Zeitpunkt nutzen

Der Zeitpunkt für eine solche Initiative könnte kaum günstiger sein. Deutschland erlebt seit 2021 einen Solarboom, der sich auch in Thüringen zeigt. Bundesweit hat sich der jährliche PV-Zubau seit 2021 verdreifacht, im Freistaat liegt das Wachstum seit 2022 bei plus 44 Prozent. Das Projekt „Energiestraßen“ macht deutlich: Thüringen verfügt über ausreichend geeignete Flächen, um diesen Aufwärtstrend fortzusetzen – und um die Energiewende dort sichtbar zu machen, wo Menschen täglich unterwegs sind. (tl)

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