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„Er muss auch mal Cheerleader sein“

Ein Porträt über Daniela Mattheus, Jenoptik-Aufsichtsratsvorsitzende

Daniela Mattheus führt den Aufsichtsrat der Jenoptik AG. Die in Eisenach geborene Wahlberlinerin bleibt dabei, wie sie sagt, „ihrer Heimat verbunden“. Ein Porträt über eine Berufsaufsichtsrätin, die stets selbst einen Impact leisten möchte.

Daniela Mattheus ist eine Frau mit vielen Rollen – ihre wahrscheinlich wichtigste: Sie ist die Aufsichtsratsvorsitzende der Jenoptik AG. | Foto: Tino Pohlmann

Wer Daniela Mattheus besuchen will, wartet zunächst auf einer auffällig und im Jenoptik-CI-gehaltenen gelb-orangenen Couch im 13. Stock des Ernst-Abbe-Hochhauses in Jena – dort, wo unten im Erdgeschoss eine Jenoptik-Ausstellung Besuchende empfängt und oben auf dem Dach der bekannte Schriftzug des Konzerns thront. Ihre Assistentin bietet Wasser an, kurz darauf kommt Mattheus selbst um die Ecke, entschuldigt sich für die kleine Verspätung – ein Call habe sich länger gezogen als geplant – und führt ins Büro, wo in einer vorgelagerten Sitzecke bereits stilles und Sprudelwasser bereitstehen.

Der Blick von dort reicht über die Jenaer Innenstadt bis zu den Hügeln, die die Stadt umarmen. Eine Kulisse, die zu dem passt, was Mattheus in diesem Gespräch wiederholt einstreut: „Thüringen ist meine Heimat, und ich bin ihr immer noch verbunden.“

Zukunft braucht Heimat – Mattheus‘ Session auf Erfurter Konferenz

Der Satz könnte bei einer gebürtigen Eisenacherin, die heute in Berlin lebt, als Floskel durchgehen. Bei Mattheus klingt er jedoch nicht so. Sie erzählt von den Hörselbergen, vom Rennsteig, von Weimar und Eisenach, von der „Historie und Kultur“, die die Region kennzeichne. Konkret: „Thüringen ist für mich eigentlich das, was die Mitte Deutschlands ausmacht.“

Vermutlich wird dies auch anklingen, wenn sie am 25. August auf der Future Leadership Conference in Erfurt spricht. Der Titel ihrer Session: „Zukunft braucht Herkunft: Wie Wurzeln Haltung prägen, und Haltung Mut gibt, Zukunft zu gestalten“.

Eine von vier: Nicht viele Frauen sitz Aufsichtsräten vor

Dass die 54-Jährige heute an der Spitze des Jenoptik-Aufsichtsrats steht, war erst gegen Ende letzten Jahres abzusehen. Im Dezember 2025 wählte das Gremium sie einstimmig zur Nachfolgerin von Matthias Wierlacher, der sein Amt überraschend niederlegte, zunächst für dessen restliche Amtszeit. Im Juni 2026 bestätigte die Hauptversammlung sie regulär im Amt.

Seit November 2023 gehört Mattheus dem Kontrollgremium des MDax- und TecDax-Konzerns bereits an, kennt also Vorstand, Kolleginnen und Kollegen sowie die strategischen Baustellen des Photonik-Konzerns aus erster Hand. Damit gehört sie zugleich zu einer kleinen Gruppe: Unter den 50 MDax-Unternehmen haben derzeit nur vier Frauen den Aufsichtsratsvorsitz inne, fasst man Dax, MDax und SDax zusammen, sind es 15 von 160 börsennotierten Gesellschaften.

Daniela Mattheus verabschiedet den langjährigen Jenoptik-CEO Dr. Stefan Traeger. | Foto: Jürgen Scheere

Eine wichtige Aufgabe gemeistert: Neuer CEO für Jenoptik

In diese erste Amtszeit fiel gleich eine der anspruchsvollsten Aufgaben, die ein Aufsichtsrat zu bewältigen hat: die Suche nach einem neuen Vorstandsvorsitzenden. „Wir haben das als Team gemeinsam sehr schnell gemanagt“, sagt die Rechtsanwältin rückblickend und verweist auf die Unterstützung eines Personalberaters, auf einen strukturierten Auswahlprozess und auf die Erfahrung ihrer Aufsichtsratskollegen, die selbst teilweise seit Jahren als Berufsaufsichtsräte arbeiten.

Zum 1. August trat nun Dominic Dorfner als neuer CEO an, ein Physiker mit Promotion in der Optik, genauer gesagt in der photonischen Biosensorik. Mattheus ist, wie sie sagt, aktuell viel mit ihm unterwegs, besucht Standorte, bereitet gemeinsam mit dem Vorstand ein umfassendes Strategie-Review vor. „Es ist wichtig, das Unternehmen gut zu kennen – insbesondere für ihn als CEO, aber natürlich auch für mich.“

Aufsicht und Governance als Berufung?

Den Weg an die Spitze eines Aufsichtsrats nahm die Corporate-Governance-Expertin über das Jurastudium – in Halle-Wittenberg, Marburg und Heidelberg – und die Wirtschaftsprüfung, nicht über die klassische Anwaltskanzlei. In einem Podcast erzählte sie einmal, Mathematik und Jura seien ihr von der Familie in die Wiege gelegt worden. „Wenn man das beides übersetzt, landet man sehr schnell bei der Wirtschaftsprüfung“, resümiert sie nun.

13 Jahre lang arbeitet sie bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG, wo sie das Audit Committee Institute in Deutschland mit aufbaute, damals eines der ersten seiner Art, mit dem ersten deutschen Corporate-Governance-Kodex aus 2002. Über die Station als Partnerin bei Ernst & Young (EY), wo sie zuletzt das Center for Board Matters Leader EMEIA und das entsprechende Themenfeld für Europa, den Nahen Osten, Afrika und Indien verantwortete, wurde aus der Rechtsanwältin und Governance-Expertin eine gefragte Aufsichtsrätin.

Bis 2019 war sie dort im Beratungsgeschäft, seither ist sie selbstständige Managementberaterin. Seit 2010 ist sie zudem Lehrbeauftragte, unter anderem an der Frankfurt School of Finance & Management und, bis 2025, an der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin.

Daniela Mattheus ist Berufsaufsichtsrätin

Mit der Bezeichnung „Multiaufsichtsrätin“ fremdelt sie jedoch. Der Begriff klinge für ihren Geschmack zu sehr danach, als würde man die Mandate sammeln. Auch „professionelle Aufsichtsrätin“ findet sie nicht treffend. Denn: „Dann gäbe es ja auch unprofessionelle Aufsichtsrätinnen, auch wenn der Begriff so nicht gemeint ist.“ Dabei engagiert sich die Berufsaufsichtsrätin – so ihre präferierte Berufsbezeichnung – in fünf verschiedenen Kontrollgremien.

Neben Jenoptik sitzt sie im Aufsichtsrat der Commerzbank, wo sie Mitglied des Ausschusses für digitale Transformation ist und den ESG-Ausschuss leitet, und – noch bis Ende August, dann legt sie das Mandat nieder, um sich auf den Jenoptik-Vorsitz zu konzentrieren – bei der Deutschen Bahn. Hinzu kommen Vorsitze im Prüfungsausschuss der Autobahn GmbH des Bundes sowie der börsennotierten CEWE Stiftung & Co. KGaA.

Ihre Aufgabe in den Gremien vergleicht sie mit der Autofahrt als Beifahrerin: Man kann und darf nicht selbst steuern, aber man entscheidet mit, wohin die Reise geht und wer am Steuer sitzt.

Hüte wechseln, Fokus behalten

Wie sich das mit einer einzigen Kalenderwoche verträgt? „Man muss ein sehr gutes Onboarding für jedes Mandat machen, dann ist es auch einfacher, die Hüte zu wechseln“, erklärt sie. Entscheidend sei, den Fokus je nach Rolle bewusst zu setzen: Bei Jenoptik trägt sie als Vorsitzende des Aufsichtsrats die größte Verantwortung und bringt sich besonders in die Bereiche Finanzen, Governance, Abschlussprüfung, Nachhaltigkeit und Transformation ein. Vor Sitzungen blocke sie sich gezielt mehr Zeit, halte sich aber immer „einen kleinen Puffer“ für Unvorhergesehenes frei.

Von dieser Taktung ist auch im Gespräch selbst etwas zu spüren. Mattheus trinkt einen Espresso aus einer weißen Tasse, macht sich auf einem matt-weißen Tablet handschriftliche Notizen, wirft zwischendurch nachdenkend einen Blick auf die Glaswand, die in den dahinterliegenden Büroteil zeigt, und gelegentlich auf die Uhr.

Ihr Ehrenamt als Präsidentin bei der Financial Experts Association, einer unabhängigen Interessenvertretung für Aufsichtsräte, hat Mattheus nach sechs Jahren vor Kurzem abgegeben. Auch ihre Rolle als Co-Owner und Senior Board Advisor beim European Center for Board Effectiveness (ECBE) in Frankfurt, das sich auf die Evaluierung von Aufsichtsgremien spezialisiert hat, endete bereits 2025. Beides sei, sagt sie, eine bewusste Entscheidung gewesen, um Raum für die neuen Aufgaben in Jena zu schaffen: „Das hat sich gut gefügt.“

Jenoptik als Leuchtturm ihrer Heimat

Bei der Auswahl neuer Mandate lasse sie sich Zeit – zumindest gedanklich, wenn schon nicht formal, denn bewerben kann man sich für einen Aufsichtsratsposten bekanntlich nicht. „Ich schaue mir immer sehr genau das Unternehmen an, ob ich vom Geschäftsmodell überzeugt bin“, verrät sie. Entscheidend sei die Frage, ob sie einen „Impact“ leisten könne: „Es ist mir sehr wichtig, dass ich mit meiner Person einen Wertbeitrag einbringen kann.“

Bei Jenoptik war es, wie sie es beschreibt, auch eine emotionale Entscheidung: „Das Unternehmen ist einfach eines der Leuchttürme aus meiner Heimat.“ Der Photonik-Konzern, dessen rund 4.300 Mitarbeitende weltweit 2025 nach vorläufigen Zahlen rund 1,05 Milliarden Euro Umsatz erwirtschafteten, sieht sie zudem technologisch gut aufgestellt: Photonik hält sie für eine Schlüsseltechnologie der Zukunft, dazu kommt die Verkehrssicherheitstechnik, zu der sie als Infrastruktur- und Mobilitätsexpertin gleich einen direkten Zugang hatte.

Er soll ihn auch unterstützen und auch mal der Cheerleader sein!

Daniela Mattheus

Aufsichtsratsvorsitzende, Jenoptik AG

Aufsichtsrat trägt besondere Verantwortung

Für den einen oder anderen könnte Corporate Governance, der rechtliche Ordnungsrahmen für die Leitung und Überwachung eines Unternehmens, ein trockenes Thema sein. Mattheus hält dagegen. Für sie ist die vermeintliche Distanz zwischen Vorstand und Aufsichtsrat kein Widerspruch, sondern Auftrag zur Zusammenarbeit. Natürlich muss der Aufsichtsrat den Vorstand kritisch überwachen und ihn auf Entwicklungen hinweisen, die aus seiner Sicht nicht gut laufen.

Aber: „Er soll ihn auch unterstützen und auch mal der Cheerleader sein!“ Corporate Governance funktioniere dann gut, sagt sie, „wenn die Menschen in den Organen sich ihrer Rollen bewusst sind und diese im Sinne des Unternehmens vertrauensvoll ausüben.“

Dass sie nicht als Ingenieurin, sondern als Juristin und Managementberaterin ein Technologieunternehmen mitverantwortet, sieht sie nicht als Nachteil. In Unternehmenssparten, zu denen sie zuvor keinen tiefen Zugang hatte, arbeite sie sich schlicht ein. Zumal sie als Aufsichtsrätin keine alltäglichen Entscheidungen treffe, sondern im Gremium das Geschäftsmodell beurteile.

Für die kommenden Jahre und Jahrzehnte erwartet sie ein Unternehmen, das deutlich wächst und sich in Zukunftsfeldern wie etwa Verteidigung, Datenkommunikation, Medizintechnik und anderen weiter etabliert: „Ich glaube, dass es genau die richtige Zeit ist, sich da gut zu positionieren.“

Kaffeeliebende Frühaufsteherin

So weit die Managerin. Privat wohnt Mattheus in Berlin-Mitte, ist seit einigen Jahren ohne eigenes Auto unterwegs und setzt bei Terminen in Thüringen auf Zug, Bus, Taxi oder Mietwagen – „bisher hat das immer ganz gut geklappt“.

Nicht nur ihre Wochentage beginnen sehr früh, auch am Wochenende ist sie eine Frühaufsteherin: stets mit einem Kaffee am Bett, meist gegen sieben Uhr und oft mit einer gemeinsamen Radtour mit ihrem Mann. Freie Zeit, die derzeit wegen ihrer zahlreichen beruflichen Verpflichtungen rarer ist, verbringt sie am liebsten mit ihm, beim Radfahren, Lesen, in klassischen Konzerten oder in der Oper. (sa)

Daniela Mattheus

Daniela Mattheus

u.a. Aufsichtsratsvorsitzende Jenoptik AG

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