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VWT-Präsident Mathias Ulbricht im Interview
„Wenn die Weichen richtig gestellt werden, wird die Transformation gelingen“
Im Gespräch mit WIRTSCHAFTSSPIEGEL-Chefredakteur Torsten Laudien hat Mathias Ulbricht die Stärken und Schwächen der Thüringer Wirtschaft analysiert.
Ist seit 2. Juni 2026 offiziell im Amt: Mathias Ulbricht.| Foto: Siemens
Seit 2. Juni ist er offiziell im Amt: Mathias Ulbricht bekleidet seit diesem Tag das Ehrenamt des Präsidenten des Verbandes der Wirtschaft Thüringens (VWT). Er ist damit Nachfolger von Hartmut Koch, der den Verband 13 Jahre geführt hat. Große Fußstapfen, wie er selbst beim VWT-Sommerfest sagte. Aber eine Aufgabe, die er mit großem Engagement und klarem Kurs in Angriff nimmt. Im Gespräch mit WIRTSCHAFTSSPIEGEL-Chefredakteur Torsten Laudien hat er nicht nur darüber gesprochen, sondern auch die Stärken und Schwächen der Thüringer Wirtschaft analysiert.
Siemens-Niederlassungsleiter an Verbandsspitze
Es sei sein erstes Gespräch mit einem Journalisten seit seiner Amtseinführung, sagt Mathias Ulbricht gleich zu Beginn. Entsprechend vorbereitet zeigt er sich. Vielleicht zeigt sich hier aber auch seine berufliche Aufgabe als Repräsentant der Siemens-Niederlassung Thüringen. Beruf und Ehrenamt will er übrigens strikt voneinander abgrenzen, wie er schon vorab bekräftigt hat.
Gleichwohl schimmert dieser Hintergrund immer wieder durch. Das muss in Bezug auf das Ehrenamt aber nicht das Schlechteste sein.
Wissen um die eigenen Stärken
Beginnen wir mit Ulbrichts Analyse. Wer jetzt den üblichen Dreiklang aus Klagen, Warnungen und Forderungen erwartet, sieht sich getäuscht. Der VWT-Präsident zeichnet ein positives Bild der Thüringer Wirtschaft. Gerade der Mittelstand im Freistaat sei bodenständig, leistungsstark, innovativ und international erfolgreich. Anders als in Sachsen, wie Ulbricht betont.
„Das ergibt sich aus dem Fakt, dass die Thüringer Wirtschaft kleinteiliger und mittelständischer organisiert ist. Es gibt weniger Großunternehmen und weniger regionale Wirtschaftszentren. Stattdessen dominieren viele hochspezialisierte mittelständische Unternehmen. Das ist ein Pfund, mit dem wir wuchern müssen.“ Das Wissen um diese Stärke zu fördern, sei eine wichtige Aufgabe, sagt Ulbricht.
Selbst die Frage nach den Schwächen der Thüringer Wirtschaft beantwortet der Verbandschef in einem eher verbindlichen Ton. Sie habe keine leistungsorientierte Krise, sondern eine Krise der Rahmenbedingungen. Über alle Branchen zeige sich eine Verunsicherung. Dies gehe auf die Veränderungen der Märkte und der daraus resultierenden Nachfrage zurück. Daraus folge eine Investitionszurückhaltung bei den Unternehmen. „Das kann uns langfristig Probleme machen“, so Ulbricht
Verharren in Unsicherheit schadet
Hier sieht der Verbandsfunktionär die Risiken, vor denen die Wirtschaft im Freistaat steht. Ein längeres Verharren in der Unsicherheit führe dazu, dass Innovations- und Investitionszyklen verpasst würden. Damit lenkt er wieder den Blick auf die internationalen Erfolge der Thüringer Wirtschaft. Die seien nämlich in Gefahr. „Wir können uns höhere Preise und damit höhere Kosten nicht mehr leisten“, so Ulbricht und bringt es auf den Punkt. „Der Unterschied zwischen ‚gut‘ und ‚sehr gut‘ ist für die Kunden nicht mehr so interessant wie der Preisunterschied.“
Aber wo Probleme sind, sind auch Chancen. „Die Konsequenz ist, dass sich etwas ändern muss“, sagt er. Aber was? Hier setzt Ulbricht klare Akzente. Wenig verwunderlich ist, dass für ihn die digitale Transformation ganz oben auf der Agenda steht. Die öffentliche Verwaltung müsse hier mehr Tempo machen, sagt er, auch wenn erste Erfolge zu verzeichnen seien.
Thüringer Unternehmen müssen Chancen der KI erkennen
Aber er will auch die Unternehmen nicht aus der Pflicht entlassen. Der Mittelstand müsse die Chancen der Künstlichen Intelligenz (KI) erkennen und nutzen. Vielleicht spricht an dieser Stelle der Siemens-Manager. KI – insbesondere industrielle KI – könne den Kostendruck dadurch senken, dass durch sie Effizienzgewinne generiert werden könnten. Wie? Die Mitarbeitenden von aufwändigen Standardaufgaben zu entlasten.
Allerdings räumt Ulbricht ein, dass das alles für den Thüringer Mittelstand nicht so einfach sei. Es gebe eine Vielfalt der Möglichkeiten. Die Komplexität der Materie mache es schwer, den Schritt zu wagen. Und dann kommt doch noch eine Forderung: Thüringen brauche ein KI-Ökosystem, das dem Mittelstand Hilfe an die Hand gebe. Gerade darauf legt der VWT-Chef Wert: die Orientierung auf die Erfordernisse des Thüringer Mittelstands.
Die Konsequenz ist, dass sich etwas ändern muss.
Wirtschaft in den Blick der Gesellschaft nehmen
Erfordernisse muss man erkennen, wenn man vorankommen will. Ulbricht plädiert dafür, die Wirtschaft mehr in den Blick der Gesellschaft zu rücken. Das beginne schon bei der Bildung in Kita und Schule und sei im Bereich Arbeitsmarkt und Soziales noch lange nicht zu Ende. Der VWT habe bereits konkrete Vorschläge an die Landespolitik gerichtet. Er sagt ‚Vorschläge‘, nicht ‚Forderungen‘. Ulbricht nennt ein Beispiel für die konkreten Vorschläge – den Arbeitsmarkt. Einerseits fehlten in vielen Unternehmen Arbeits- und Fachkräfte. Andererseits liest man in diesen Tagen immer wieder von Personalabbau, Werksschließungen und Firmenpleiten.
Hier hat der VWT mit der Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit eine Zusammenarbeit zu Arbeitsmarktdrehscheiben vereinbart, um bereits frühzeitig Arbeitslosigkeit zu vermeiden. So wolle man den Arbeitsmarkt „von Kapazität zu Bedarf“ denken. Kontinuität, Stabilität und Verlässlichkeit sieht Ulbricht als Leitmotive seiner Arbeit. Systematik geht ihm vor hektischem Agieren. Bürokratieabbau ist für ihn kein wohlfeiles Schlagwort, nicht jede Regulierung sei per se schlecht. So sei der Staat in der Pflicht, sehr genau hinzusehen, wie Steuermittel eingesetzt werden – auch wenn er diese in Form von Fördermitteln an Unternehmen ausreicht.
Ulbricht hält Plädoyer für Eigenverantwortung
Der VWT-Präsident behält bei allem auch die Eigenverantwortung der Unternehmer im Blick. Man mache es sich zu leicht, nur auf Impulse von außen zu hoffen – vorzugsweise aus der Politik. Auch in Zeiten der Verunsicherung spüre er in der Unternehmerschaft eine sehr hohe Bereitschaft zur Veränderung. Das Feuer brenne, allerdings schwäche Unsicherheit das Handeln, konstatiert Ulbricht. Um dann sofort wieder zu seinem Mantra zu kommen: Digitalisierung und KI sind ein Muss.
Für aktiven und pragmatischen Austausch
Was hat man nun also von dem Mann zu erwarten, der den wichtigsten Thüringer Wirtschaftsverband führt? Zum Beispiel die Sozialpartner? Er suche den aktiven Austausch auf Sachebene, sagt Ulbricht. Beide Seiten müssten den Standpunkt des jeweils anderen zur Kenntnis nehmen und erkennen, „wo wem der Schuh drückt“.
Aus freundlicher Zurückhaltung sei ein Öffnen geworden, stellt er fest.
Ähnlich bei der Landespolitik. Mit der verbinde ihn und seinen Verband eine konstruktive und pragmatische Zusammenarbeit. Die Weichen seien richtig gestellt. Dies sei der Garant dafür, dass der Transformationsprozess erfolgreich gelinge.
Ironie der Geschichte: Als Ulbricht das sagt, verkünden nur wenige Kilometer entfernt fast alle Mitglieder der BSW-Fraktion im Thüringer Landtag und die beiden Minister ihren Austritt aus der Partei. Stabilität, Kontinuität und Verlässlichkeit, wie Ulbricht und der VWT sie postulieren, sind also nötiger denn je. (tl)
