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Matthias Gaida: „Thüringens Ernährungswirtschaft ist mehr als eine Spitzenbranche“

Interview mit Vorstandschef des Thüringer Ernährungsnetzwerks

Die Thüringer Ernährungswirtschaft erwirtschaftet über 4,5 Milliarden Euro Umsatz und beschäftigt mehr als 20.000 Menschen – doch in der öffentlichen Wahrnehmung bleibt sie oft unterschätzt. Im Interview spricht Matthias Gaida, Vorstandsvorsitzender des Thüringer Ernährungsnetzwerks, über steigende Kosten, Fachkräftemangel und die Kampagne „Thüringen schmeckt“. 

Symbolbild | Foto: Natalia Lisovskaya- stock.adobe

Die Ernährungswirtschaft ist eine der wichtigsten Branchen Thüringens. Aber sie ist in der öffentlichen Wahrnehmung unterbewertet. Matthias Gaida ist Vorstandsvorsitzender des Ernährungsnetzwerks Thüringen e.V. Im Interview mit WIRTSCHAFTSSPIEGEL-Chefredakteur Torsten Laudien spricht er über die Rolle des Branchenverbandes, die aktuellen fachlichen Herausforderungen der Ernährungswirtschaft und wirft einen Blick voraus auf den mitteldeutschen Ernährungsgipfel, der Ende September in Erfurt stattfindet.

Konjunkturschwäche trifft auch die Ernährungsbranche

 

Die wirtschaftliche Lage ist derzeit alles andere als rosig. Andererseits heißt es ja: „Gegessen und getrunken wird immer.“ Spiegelt sich die allgemeine Konjunkturschwäche auch in der Ernährungsbranche wider – oder gibt es Gegentrends?

Natürlich wird immer gegessen und getrunken, aber das schützt die Ernährungswirtschaft nicht vor der Konjunktur und geopolitischen Katastrophen. Wir sind eine starke und traditionsreiche Branche, die vor
allem klein- und mittelständisch geprägt ist. Unsere Unternehmen spüren die allgemeinen Herausforderungen alltäglich. Die Produktionskosten für gute Thüringer Lebensmittel steigen aus vielseitigen Gründen und die Konjunkturschwäche zeigt sich ja nicht nur bei uns als Unternehmen,
sondern auch beim einzelnen Verbraucher. So beobachten wir trotz des gestiegenen Bewusstseins und Wunsches nach Regionalität ein spürbar preisorientiertes Einkaufsverhalten.

Dennoch: Unsere Unternehmen zeigen Innovationsbereitschaft und den festen Willen, Produktionsstandorte in Thüringen weiterzuentwickeln. Die Branche ist belastet, aber sie bleibt robust und zukunftsorientiert, das ist an dieser Stelle ganz klar herauszuheben. Die Thüringer Ernährungswirtschaft gilt als eine der Spitzenbranchen im verarbeitenden Gewerbe des Freistaats.

Als Netzwerk sind Sie die Vertretung der Branche. Wie würden Sie einem Außenstehenden in einem Satz erklären, was das Netzwerk leistet – und was ohne es fehlen würde?

Eine Anmerkung vor dem Satz zum Netzwerk: Wir gelten nicht nur als eine der Spitzenbranchen, wir sind es auch. Da sprechen die Zahlen mit über 4,5 Milliarden Euro Umsatz und über 20.000 Beschäftigten in Thüringen eine klare Sprache.

Der Thüringer Ernährungsnetzwerk e.V. bündelt die Interessen der Branche, vernetzt Unternehmen, Politik, Verbände, Interessenvertretungen und Forschung; ohne uns gäbe es keine gemeinsame Stimme und viele wichtige Synergien blieben ungenutzt.

 

Das leistet das Ernährungsnetzwerk

 

Sie vertreten rund 40 Mitgliedsunternehmen aus sehr unterschiedlichen Teilbranchen der Ernährungsindustrie. Wie gelingt es Ihnen, so verschiedene Akteure – von der Fleischwirtschaft bis zur Süßwarenproduktion – unter einem Dach zu halten?

Wir stellen heraus, was uns alle betrifft und das ist eine ganze Menge. Steigende Kosten, bürokratischer Aufwand, Nachweispflichten, Zertifizierungsanforderungen – da gibt es hohe Überschneidungen in allen Teilbranchen. Für spezifische Probleme gibt es dann auch die jeweiligen Fach verbände.

Wir verstehen uns als Plattform für Austausch und Kooperation. Es entstehen regelmäßig ganz tolle Zusammenarbeiten zwischen den Mitgliedsunternehmen, die nach dem ersten Kennenlernen über unseren Verein dann völlig selbstständig laufen. Das ist großartig und so soll es sein!

Ohne das Netzwerkdach würden einige wichtige Synergien gar nicht erst entstehen. Am Ende verfolgen wir das gemeinsame Ziel, qualitativ hochwertige Produkte hier in Thüringen herzustellen und leisten zur Wertschöpfung in Thüringen einen erheblichen Beitrag.

Aus Netzwerksicht ist unsere teilbranchenübergreifende Zusammensetzung genau das, was uns im positiven Sinne ausmacht und wir ziehen einen großen Mehrwert daraus.

Milliarden Euro Umsatz macht die Thüringer Ernährungswirtschaft

Was sind die wichtigsten Themen, mit denen sich die Ernährungswirtschaft derzeit befasst?

Die wichtigen Themen sind bereits angeklungen: Die Thüringer Ernährungswirtschaft beschäftigt sich derzeit vor allem mit massiv steigenden Kosten, einem kaum noch handhabbaren Bürokratieaufwand sowie einem sehr preissensiblen Markt.

Auch der Fach- und Arbeitskräftemangel ist zunehmend in den Betrieben zu spüren. Gleichzeitig braucht es jetzt Investitionen in moderne Technologien, stabile Lieferketten und die Stärkung regionaler Wertschöpfung. Die Branche steckt mitten in einem tiefgreifenden Transformationsprozess und muss ihn unter schwierigen Rahmenbedingungen meistern.

Was sind aus Sicht des Netzwerks die drei drängendsten Probleme, mit denen die Thüringer Lebensmittelproduzenten derzeit kämpfen? Gibt es Ihrerseits Wünsche an die Politik?

Unsere Unternehmen arbeiten an vielen Herausforderungen gleichzeitig und das zum Teil unter Bedingungen, die sie allein kaum beeinflussen können. Von der Politik wünschen wir uns vor allem Planbarkeit und Verlässlichkeit.

Ein großer Wunsch in unsicheren Zeiten, aber mit spürbaren Entlastungen zum Beispiel beim Bürokratieaufwand können wir anfangen. Wir brauchen Rahmenbedingungen, die Investitionen und Wettbewerbsfähigkeit wieder
ermöglichen.

Wir als Branchenverband wollen dabei aber nicht nur beim „Wünschen“ bleiben, sondern bleiben aktiv im Dialog und stehen stets bereit, wenn es auch darum geht, gemeinsam zu gestalten. Ein zentrales Ziel des Netzwerks ist die gemeinsame Vermarktung Thüringer Lebensmittel. Mit der Kampagne „Thüringen schmeckt“ bündeln Sie alle Regionalvermarktungsaktivitäten unter einem Dach.

 

Kampagne „Thüringen schmeckt“: Regionalität sichtbar machen

 

Wie stark ist die Nachfrage nach regionalen Produkten tatsächlich – und hält das Kaufverhalten der Verbraucher mit dem Wunsch nach Regionalität Schritt?

Die Nachfrage nach regionalen Lebensmitteln ist weiter hoch, Regionalität leibt für viele Verbraucher ein starkes Kaufargument. In wirtschaftlich angespannten Zeiten erleben wir aber auch, dass das tatsächliche Kaufverhalten nicht immer diesem Wunsch standhält. Verbraucherinnen und Verbraucher sind in ihrem alltäglichen Kauf verhalten preissensibel.

Genau deshalb ist es so wichtig, regionale Herkunft sichtbar und nachvollziehbar zu machen. Mit ‚Thüringen schmeckt‘ bündeln wir die Kräfte der Branche und schaffen eine gemeinsame Marke, die Orientierung gibt und regionale Wertschöpfung stärkt. Dabei bietet die Kampagne auch viel Wissenswertes rund um die Themen Lebensmittel und Ernährungswirtschaft.

Am 29. September laden Sie in Erfurt zum 10. Mitteldeutschen Ernährungsgipfel ein – dem wichtigsten Branchenevent der Ernährungswirtschaft in Mitteldeutschland. Was erwarten Sie von dieser Veranstaltung?

Wir sind stolz und freuen uns, dass wir den 10. Mitteldeutschen Ernährungsgipfel hier in Thüringen und damit bei uns im Netzwerk als  ursprünglichen Ideengeber und Initiator dieses Branchentreffens ausrichten können!

Wir haben viel Sorgfalt in die Programmauswahl gesteckt und wir erwarten starke Impulse für die Zukunftsfähigkeit unserer Branche. Mit Persönlichkeiten wie Handels-Zukunftsforscherin Theresa Schleicher, Marktforscher Frank Quiring, Kickboxweltmeisterin und Motivationsexpertin Dr. Christine Theiss und Mittelstandskenner Dr. Dr. Cay von Fournier haben wir ein Programm, das genau die Themen adressiert, die uns bewegen: Konsumtrends, psychologische Marktforschung, Motivation und Wettbewerbsfähigkeit.

Wir sind zuversichtlich, dass wir zum 10. Mittel deutschen Ernährungsgipfel mit mehr als 300 Besuchern auch einen Teilnehmenden-Rekord erreichen werden.

Matthias Gaida

Matthias Gaida

Vorstandsvorsitzender des Thüringer Ernährungsnetzwerk e.V. (Thern)

Matthias Gaida (54) war mit Unterbrechungen bereits von 2012 bis 2019 Vorstandsvorsitzender des Thüringer Ernährungsnetzwerk (Thern). Seit März 2022 hat er das Amt abermals inne.

Seit dem 1. Mai 2025 ist er zudem Teil der Geschäftsführung der Wolf Firmengruppe und hat dort als Prokurist die Vertriebsleitung übernommen. Zuvor war er bereits in führenden Positionen bei der Zur-Mühlen-Gruppe für die Marke Gutfried, Die Thüringer Wurstspezialitäten und bei The Family Butchers tätig.

Foto: THERN

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