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Thüringens Schlüsselindustrien: Zwischen Tradition und Transformation
Das Fundament, das trägt – und tragen muss
Wenn man in Thüringen von Schlüsselindustrien spricht, dann meint man nicht bloß Branchen. Man meint Lebensläufe. Man meint Generationen, die in denselben Werkhallen standen, denselben Präzisionswerkzeugen vertrauten, denselben Stolz empfanden, wenn ein Produkt „Made in Thuringia“ in die Welt ging. Und genau deshalb ist die Frage, welche Industrien dieses Land auch morgen noch tragen werden, keine nüchterne Standortanalyse.
Symbolbild KI-generiert
Es ist eine Frage, die ans Eingemachte geht. Thüringen ist kein Wirtschaftsriese. Das war es nie. Aber es ist etwas, das in der modernen Ökonomie mindestens genauso zählt: spezialisiert, vernetzt, innovationsbereit – und dabei tief verwurzelt in einem industriellen Erbe, das sich nicht verleugnen lässt.
Optik und Photonik: Jena leuchtet – noch
Es gibt wenige Orte in Deutschland, wo Wissenschaft und Industrie so eng ineinandergreifen wie in Jena. Die Optik- und Photonikbranche ist das leuchtende Aushängeschild – und das im Wortsinn. Unternehmen wie ZEISS, Jenoptik oder das Fraunhofer-Institut IOF haben dem Standort internationales Renommee verschafft. Präzisionsoptik, Lasertechnologie, Halbleiterinspektion: Produkte aus dem Jenaer Raum stecken in Smartphones, Satelliten und medizinischen Geräten rund um den Globus.
Doch selbst hier gilt: Stillstand ist Rückschritt. Die globale Konkurrenz schläft nicht, und die Investitionszurückhaltung, die in den letzten Jahren auch innovative Hochburgen erfasst hat, hinterlässt ihre Spuren. Dass ZEISS kürzlich neue Flächen in Jena-Isserstedt erwirbt, ist ein Signal – aber es darf nicht das einzige bleiben. Thüringen braucht mehr solcher Commitments. Und es braucht die politischen Rahmenbedingungen, die solche Entscheidungen erleichtern, nicht erschweren.
Automobilzulieferer: Ein Sektor im Überlebenskampf
Wer durch die Industriegebiete zwischen Eisenach und Gera fährt, dem wird nicht entgangen sein: Vieles, was hier jahrzehntelang brummte, brummt leiser. Die Automobilzulieferindustrie war und ist einer der größten Arbeitgeber des Freistaats. Bosch, Continental, Magna – die Namen klingen nach Stabilität. Doch die Transformation hin zur Elektromobilität und der gleichzeitige Einbruch der Nachfrage haben tiefe Schnitte hinterlassen.
Das ist kein thüringisches Phänomen, gewiss. Aber Thüringen trifft es mit besonderer Wucht, weil die Abhängigkeit von wenigen großen Playern groß ist und weil der Mittelstand rund um diese Ankerbetriebe oft nicht die Ressourcen hat, Transformationen alleine zu stemmen. Hier ist Industriepolitik gefordert – nicht als Schönwetterveranstaltung, sondern als ernsthafte Antwort auf eine ernsthafte Lage.
Die gute Nachricht: Viele Zulieferer sind dabei, ihre Geschäftsmodelle anzupassen. Neue Produkte, neue Kunden, neue Märkte – der Mut ist da. Was fehlt, sind mancherorts die Liquidität und die klaren Signale aus der Politik.
Maschinenbau: Der stille Champion
Der Maschinenbau ist Thüringens stiller Champion. Er macht keine großen Schlagzeilen, er organisiert keine Pressekonferenzen mit Politikern auf der Bühne. Er produziert. Zuverlässig, präzise, oft unsichtbar – und doch unverzichtbar. In Schmalkalden, Sonneberg, Suhl: Hier sitzen Unternehmen, die Maschinen bauen, mit denen wiederum andere Maschinen gebaut werden. Die Zulieferkette der Zulieferketten.
Diese Betriebe verdienen mehr Aufmerksamkeit, als sie bekommen. Nicht in Form von Fördermittelbescheiden allein, sondern in Form von verlässlichen Energiepreisen, gut ausgebauter Infrastruktur und – vor allem – von Fachkräften. Der demografische Wandel trifft den Maschinenbau so hart wie kaum eine andere Branche. Und hier schließt sich der Kreis: Ausbildung, Zuwanderung, Willkommenskultur sind keine Lifestyle-Themen. Sie sind Industriepolitik.
Gesundheitswirtschaft: Wachstumsbranche mit Bodenhaftung
Nicht jede Schlüsselindustrie hat Öl an den Händen. Die Gesundheitswirtschaft ist ein gutes Beispiel dafür, wie sich ein Sektor still und beständig zu einer tragenden Säule entwickelt hat. Thüringen besitzt eine bemerkenswerte Dichte an Kliniken, Medizintechnikunternehmen und Forschungseinrichtungen.
Saalfeld, Bad Berka, Erfurt – überall entstehen oder wachsen Kompetenzen, die weit über das regionale Versorgungsangebot hinausgehen. Medizintechnik und Pharmazulieferung sind Branchen, die auch in Krisenzeiten gefragt sind. Wer hier investiert, investiert in etwas, das der demografische Wandel nicht überflüssig machen wird – im Gegenteil.
Digitalisierung und KI: Das Versprechen, das eingelöst werden muss
Thüringen hat erkannt, dass es in der digitalen Transformation nicht zuschauen darf. Die Technische Universität Ilmenau, die Friedrich-Schiller-Universität Jena, das Ernst-Abbe-Hochschul-Netzwerk – hier werden die Köpfe ausgebildet, die Thüringen in das digitale Zeitalter führen können. Der neue Data-Science-Studiengang in Ilmenau ist ein Schritt in die richtige Richtung. Mehr solcher Schritte sind nötig.
Aber Bildung allein genügt nicht. Die entscheidende Frage ist: Bleiben diese Talente in Thüringen? Finden sie hier Unternehmen, die ihre Fähigkeiten brauchen und schätzen? Start-up-Ökosysteme brauchen Risikokapital, Netzwerke und Rückenwind. Hier hat Thüringen noch Aufholbedarf – auch wenn die Ansätze vorhanden sind.
Halbleiter: Thüringens stille Technologiemacht
Es gibt eine Industrie in Thüringen, die selten in den Schlagzeilen auftaucht – und dabei zu den strategisch bedeutsamsten Feldern gehört, die ein Industrieland vorweisen kann: die Halbleiterbranche. Chips. Siliziumwafer. Mikroelektronik. Klingt nach Sachsen, nach Dresden, nach Silicon Saxony. Und doch: Thüringen ist mittendrin – mit einer Tiefe und Breite der Wertschöpfung, die viele überrascht.
Der Anker ist X-FAB Semiconductor Foundries in Erfurt. Mehr als 800 Beschäftigte am Standort, rund 4.500 weltweit – und eine Spezialisierung, die das Unternehmen zum europäischen Marktführer in seinem Segment gemacht hat. X-FAB baut keine Massenware. Das Unternehmen fokussiert sich auf Analog-/Mixed-Signal-Halbleiter und anwendungsspezifische Schaltkreise – sogenannte ASICs – für Automobil, Medizintechnik und Raumfahrt. 30 bis 40 Prozent aller weltweit verbauten Reifendruckkontrollsensoren stammen aus Erfurt. Das ist keine Randnotiz. Das ist Weltklasse aus Thüringen.
Die Geschichte hinter dieser Stärke reicht tief. Schon zu DDR-Zeiten war Mitteldeutschland das Zentrum des Hochtechnologieprogramms in der Mikroelektronik. In Erfurt und Jena standen die großen Kombinate, aus denen nach der Wende Ausgründungen, Privatisierungen und Neuanfänge entstanden. X-FAB ist ein direkter Nachfahre dieser Tradition – und hat sie in die Gegenwart geführt. Seit 1992 hat das Unternehmen einen dreistelligen Millionenbetrag in neue Anlagen investiert. Ende 2025 wurde bekannt: 128 Millionen Euro Staatshilfe fließen in eine neue Chipfabrik in Erfurt, die 2029 ihren Betrieb aufnehmen soll – spezialisiert auf MEMS, also mikroelektromechanische Systeme für Automobil, KI und Medizintechnik.
Das ist ein starkes Signal. Aber auch eines, das nachdenklich machen sollte: Ohne Staatsförderung wäre diese Investitionsentscheidung möglicherweise anders ausgefallen. Hier zeigt sich die Zwickmühle, in der viele europäische Halbleiterstandorte stecken. Die Konkurrenz aus Asien und Nordamerika wird massiv subventioniert. Europa hat mit dem European Chips Act reagiert. Thüringen hat sich früh als Gründungsmitglied der Europäischen Halbleiterallianz ESRA positioniert – gemeinsam mit Sachsen, Bayern und anderen deutschen Bundesländern. Das ist kluge Industriepolitik.
Und doch: Neben X-FAB verdient auch das Umfeld mehr Aufmerksamkeit. Melexis in Erfurt, Vistec Electron Beam in Jena, zahlreiche spezialisierte Mittelständler und Start-ups – sie alle bilden ein Ökosystem, das wächst, aber Pflege braucht. Thüringen deckt nahezu die gesamte Wertschöpfungskette in der Mikroelektronik ab, von der Rohstoffaufbereitung über Halbleiterelemente bis zur Systemintegration. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Das ist das Ergebnis jahrzehntelanger Spezialisierung. Und es ist ein Pfund, mit dem man wuchern sollte – laut, sichtbar und strategisch.
Die entscheidende Frage ist auch hier die nach den Fachkräften. Europa braucht bis 2030 Zehntausende zusätzliche Halbleiterspezialisten. Thüringen konkurriert um dieselben Köpfe wie Dresden, München und Amsterdam. Wer die Besten gewinnen will, braucht mehr als gute Löhne: attraktive Städte, verlässliche Kitas, schnelles Internet und ein Umfeld, das Weltklasseforschung mit Lebensqualität verbindet. Das ist keine Marketingaufgabe. Das ist Standortpolitik – und sie beginnt im Kleinen, im Alltäglichen, im Konkreten.
Was jetzt gefragt ist
Thüringen steht wirtschaftlich an einem Punkt, der keine Komfortzone erlaubt. Die Stimmung ist, wie Umfragen zeigen, angespannt. Aber angespannt bedeutet nicht hoffnungslos. Es bedeutet: Man hat die Anspannung gespürt und überlegt, was zu tun ist.
Die Schlüsselindustrien dieses Landes – Optik und Photonik, Automobilzulieferung, Maschinenbau, Gesundheitswirtschaft, Digitalisierung und Halbleiter – sind kein Museum. Sie sind ein lebendiges, sich wandelndes Gefüge. Was sie brauchen, ist kein staatlicher Schutzwall, sondern verlässliche Rahmenbedingungen: Infrastruktur, Energiepreise, Bürokratieabbau, Fachkräftegewinnung.
Das klingt nach Hausaufgaben. Das ist es auch. Und Hausaufgaben macht man nicht beim nächsten Wahlkampfauftritt. Man macht sie täglich. Thüringens Unternehmerinnen und Unternehmer tun das. Es wäre schön, wenn die Politik mithalten würde. (tl)
