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Silicon Thüringen:
Wie der Freistaat zur Halbleitermacht aufsteigt

Es gibt Industrien, die man sieht: Stahlwerke, Autofabriken, Chemieanlagen – Zeugnisse wirtschaftlicher Kraft, die sich in die Landschaft einschreiben. Und dann gibt es Industrien, die man nicht sieht, die aber alles antreiben. Die Mikroelektronik gehört dazu. Kein Smartphone ohne Chip. Kein Auto ohne Halbleiter. Keine medizinische Präzisionsmessung ohne mikroelektronische Komponente. Wer Chips macht, macht Zukunft. Und Thüringen macht Chips – seit Jahrzehnten, mit wachsender Ambition und zunehmend europäischer Bedeutung.

Symbolbild | Foto: adobe stock

Das war nicht immer so selbstverständlich. Und der Weg dorthin führt über eine Geschichte, die man kennen muss, um zu verstehen, warum der Freistaat heute genau dort steht, wo er steht.

Vom VEB zur Weltspitze – eine Geschichte in zwei Akten

Die Wurzeln der Halbleiterindustrie in Thüringen reichen tief in die DDR-Zeit. In Erfurt, Jena und Ilmenau entstanden in den 1960er- und 1970er-Jahren Betriebe, die mit dem globalen Niveau mithalten wollten – und es teilweise konnten. Der VEB Mikroelektronik „Karl Marx“ in Erfurt war einst ein Herzstück der ostdeutschen Chipfertigung. Ilmenau wurde mit seiner Technischen Hochschule zur Kaderschmiede für Ingenieure, die Optik und Elektronik als Einheit dachten. Jena war – und ist – die Heimat der Präzisionsoptik, Nährboden für das, was heute Photonik heißt.

Dann kam 1989. Die Wende traf die ostdeutsche Industrie wie ein Erdbeben. Viele Betriebe überlebten die Transformation nicht. Andere fanden in der Privatisierung und Neuausrichtung ihre Chance. Was blieb, war mehr als nur Infrastruktur: Es blieb das Know-how. Die Ingenieure blieben. Die Hochschulen blieben. Und aus diesen Trümmern und Traditionen wuchs – langsam, aber zielstrebig – ein neues Ökosystem.

56 Unternehmen, eine Wertschöpfungskette, eine Strategie

Nach einer Statistik, die die Landesentwicklungsgesellschaft (LEG) im Jahr 2024 veröffentlicht hat, zählt Thüringens Halbleiter- und Mikroelektronikbranche über 56 Unternehmen mit rund 5.500 Beschäftigten. 14 davon fertigen diesen Angaben zufolge direkt im Bereich Halbleiter, weitere 23 stellen Prozessmaschinen und Equipment bereit. Was das bedeutet, ist nicht selbstverständlich: Der Freistaat deckt nahezu die gesamte Wertschöpfungskette ab – von der Rohstoffaufbereitung über Halbleiterelemente und Mikroelektroniksysteme bis zur Systemintegration.

Thüringens strategisches Kapital

Die meisten Länder weltweit verfügen über einzelne Glieder dieser Kette. Thüringen verfügt über das Gesamtwerk. Und während der globale Massenmarkt – rund 80 Prozent der Nachfrage entfallen auf standardisierte ICs, Speicherchips und Mikroprozessoren – von asiatischen Konzernen dominiert wird, haben Thüringer Unternehmen sich klug positioniert: Sie fokussieren sich auf ASICs, also anwendungsspezifische integrierte Schaltkreise für sensorische und optoelektronische Anwendungen. Höherer Mehrwert, mehr Spezialisierung, weniger Preisdruck.

Jenoptik, ZEISS, Fraunhofer – Thüringen spielt in der ersten Liga

Namen sind hier nicht dekorativ, sie sind Programm. Die Jenoptik AG, Weltmarktführerin für optoelektronische Komponenten, zeigt exemplarisch, wohin die Reise geht: die Verschmelzung von Mikroelektronik und Photonik. Schnellere Datenraten, höhere Energieeffizienz, kompaktere Bauformen – diese Synergie ist keine Zukunftsmusik, sie ist bereits Gegenwart. Anwendungsfelder reichen von Kommunikationstechnik und Automotive bis hin zu Sicherheit, Verteidigung, Gesundheit und Umwelt.

Das Fraunhofer-Institut für Angewandte Optik und Feinmechanik (IOF) in Jena erhielt bereits 2020 gemeinsam mit ZEISS und TRUMPF den Deutschen Zukunftspreis für die EUV-Lithographie, eine Technologie, die die Fertigung immer kleinerer und leistungsfähigerer Mikrochips erst möglich macht. Jenoptik Optical Systems wiederum wurde mit dem Thüringer Innovationspreis ausgezeichnet – für eine optoelektronische Prüfkarte, die elektrische Signale nahezu in Echtzeit in optische umwandelt.

Die Pandemie als Weckruf

Die Corona-Krise hat schonungslos offengelegt, was Wirtschaftspolitiker lange nicht wahrhaben wollten: Europa ist bei Halbleitern abhängig – von Taiwan, Südkorea und China. Als die Lieferketten rissen, standen Automobilwerke still. Krankenhäuser warteten auf Beatmungsgeräte. Das war kein vorübergehendes Logistikproblem. Das war der Preis jahrzehntelanger Sorglosigkeit.

Die Reaktion kam auf EU-Ebene mit dem European Chips Act vom Februar 2022: 44 Milliarden Euro für Forschung, Entwicklung und Fertigung. Das Ziel: Europa soll bis 2030 wieder 20 Prozent der globalen Chipproduktion auf sich vereinen. Zum Vergleich die Dimensionen des internationalen Wettbewerbs: Samsung plant Investitionen von 190 Milliarden Dollar, China investiert mehr als 170 Milliarden in den Aufbau heimischer Produktion, TSMC und die USA bewegen sich in ähnlichen Größenordnungen. Europa hat verstanden, dass hier kein Platz für Zögerlichkeit ist.

Thüringen ist mittendrin. Über das IPCEI-Programm erhalten vier Unternehmen im Freistaat direkte Förderung: Carl Zeiss SMT in Jena, Adtran Networks in Meiningen, X-Fab in Erfurt und mi2-factory in Jena. 13 der 31 deutschen IPCEI-Projekte haben ihren Standort in Sachsen oder Thüringen. Mitteldeutschland ist – wieder einmal – mehr als ein Randgebiet. Es ist ein Zentrum.

Vernetzung: Die Hausaufgabe, die noch zu erledigen ist

Wo Thüringen noch aufholen muss, ist die Vernetzung. In Sachsen zeigt Silicon Saxony e. V. mit über 500 Mitgliedern, wie wirkungsvoll ein Branchencluster sein kann – es ist das größte Mikroelektronik- und IT-Cluster in Deutschland und Europa. Thüringen hat keinen vergleichbaren Verbund. ELMUG eG, SensorikNet e. V. und OptoNet e. V. leisten Wertvolles, sind aber auf Messsysteme und optische Komponenten fokussiert.

Eine eigenständige Mikroelektronik-Initiative fehlt noch

Dabei wäre das Fundament da. Thüringen ist Gründungsmitglied der Europäischen Halbleiterallianz ESRA – gemeinsam mit Sachsen, Bayern, Hessen, Baden-Württemberg und weiteren Regionen. Die Vernetzung nach außen funktioniert. Jetzt muss sie auch nach innen stärker werden.

Fachkräfte: Das entscheidende Kapitel

Technologie braucht Menschen. An der TU Ilmenau, der FSU Jena und der Ernst-Abbe-Hochschule entstehen Ingenieurinnen und Ingenieure, die das Handwerk der Mikroelektronik und Photonik von Grund auf beherrschen. Studiengänge wie „Micro- and Nanotechnologies“ oder der „Master of Science in Photonics“ sind keine akademischen Nischenprogramme – sie sind Zukunftsprogramme für eine Region, die sich ihre Innovationskraft nicht abwandern lassen darf.

Die Botschaft an die Absolventen: Ihr müsst nicht nach München oder ins Silicon Valley. Die Zukunft der Halbleiter wird auch hier, zwischen Erfurt, Jena und Ilmenau, geschrieben.

Thüringen hat die Karten. Jetzt muss es sie ausspielen.

Technologische Souveränität ist kein Selbstzweck. Sie ist die Grundlage dafür, dass Europa in strategischen Branchen nicht erpressbar wird. Thüringen – mit seiner vollständigen Wertschöpfungskette, seinen Forschungseinrichtungen und seinen Weltklasseunternehmen – hat eine reale Chance, ein Anker dieser Souveränität zu sein. (tl)

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