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„Deutschland kommt nicht aus der Schockstarre“
Konjunkturexperten warnen deutsche Wirtschaft
Die deutsche Wirtschaft steckt nach Einschätzung von Konjunkturforschern in einer anhaltenden Schwächephase. Bei einem Fachkolloquium zum 25-jährigen Bestehen des Instituts der Wirtschaft Thüringen (IWT) am Erfurter Kreuz zeichneten Wissenschaftler ein ernüchterndes Bild von der deutschen Wettbewerbsfähigkeit.
„Deutschland kommt nicht aus der Schockstarre.“ Prof. Dr. Michael Grömling vom Institut der deutschen Wirtschaft schaut wenig optimistisch in die Zukunft. | Foto: Isabel Halbauer
„Wir befinden uns in der längsten Stagnationsphase seit Ende des Zweiten Weltkriegs“, so der Leiter der Forschungsgruppe Makroökonomie und Konjunktur am Institut der deutschen Wirtschaft, Prof. Dr. Michael Grömling. „Deutschland kommt nicht aus der Schockstarre.“ Erst habe die Corona-Pandemie die Wirtschaft belastet, dann geopolitische Konflikte wie der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine und zuletzt der Krieg der USA gegen den Iran.
Einen baldigen Trendwechsel sehe er skeptisch. Zu den akuten Konjunkturschocks kämen die permanenten Strukturschocks. Gerade als ein Land, das von der Exportwirtschaft lebt, werde Deutschland härter getroffen als andere Länder.
Konjunktur: Exporte koppeln sich von der Nachfrage ab
Grömling und weitere Experten aus Wissenschaft, Wirtschaft und Statistik sprachen anlässlich des 25-jährigen Bestehens des Instituts der Wirtschaft Thüringens auf einem Fachkolloquium in Amt Wachsenburg bei Arnstadt Ende September über ihre Sicht auf die deutsche und thüringische Wirtschaft. Unter der Überschrift „Wo entsteht Wertschöpfung“ diskutierten die Experten über Strukturwandel, Produktivität, Wachstum und Innovation sowie Digitalisierung.
Zudem zeigte Grömling auf, dass sich deutsche Exporte von der globalen Güternachfrage entkoppelt hätten. Dafür gebe es vielfältige Ursachen: Wurden die falschen Produkte hergestellt? Hat Deutschland die preisliche Wettbewerbsfähigkeit verloren? Oder liegt es an der Geopolitik oder an geopolitischer Blockbildung? Die Antwort liege in einem Bündel von Faktoren.
Wettbewerbsfähigkeit: Düsteres Bild für deutsche Wirtschaft
Weitere Wissenschaftler zeichneten beim Kolloquium ein ähnlich düsteres Bild. Prof. Dr. Uwe Cantner, geschäftsführender Direktor des Schumpeter-Zentrums an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, kommt zu dem Schluss, dass wir in Deutschland in nahezu allen Schlüsseltechnologien schlecht dastehen, was die Wettbewerbsfähigkeit angeht. Eine Ausnahme gebe es, was ihn für Thüringen besonders freue: die Photonik.
„Wir müssen nicht in jeder Schlüsseltechnologie vorne dabei sein“, erklärte er weiter. „Wir müssen akzeptieren, dass wir importieren müssen.“ Dann sollten die deutschen Unternehmen jedoch Large Language Models (LLMs) gut implementieren: „Dann sind wir nicht auf der Verliererstraße.“ An die Politik appellierte er, man brauche jetzt eine neue, kluge Wirtschaftspolitik und müsse ein Innovationsökosystem schaffen. Dabei ziele er nicht primär auf finanzielle staatliche Unterstützung ab, sondern auf die entsprechenden Rahmenbedingungen und Vernetzungen.
Forum besichtigt N3
Weitere Referenten blickten im Laufe des Tages unter anderem auf Produktivitäts- und Verdienstunterschiede in Ost- und Westdeutschland, welche laut Dr. Cornelius Paul vom Institut für Mittelstands- und Regionalentwicklung auf die deutsche Teilung zurückzuführen seien, die Belastung und Relevanz von Unternehmensstatistiken sowie auf die regionale Wertschöpfung in Südthüringen.
Zum Rahmenprogramm gehörte eine Besichtigung des Triebwerkswartungswerks N3 EOS am Erfurter Kreuz, das die Veranstalter als Positivbeispiel im Gegensatz zum allgemeinen Negativtrend vorstellten. (sa)
Vertreter und Vertreterinnen aus Wissenschaft, Wirtschaft und Statistik trafen sich anlässlich des 25-jährigen Bestehens des IWT und besichtigte auch das Werk der in Arnstadt ansässigen N3 EOS. | Foto: Sandra Böhm
