Lesedauer: 4 Minuten

Innovation mit eigenem Klang

Wie Materialforschung eine ungewöhnliche Gitarre möglich macht

Was passiert, wenn ein Werkstoff dort eingesetzt wird, wo ihn zunächst niemand vermuten würde? Diese Frage stellte sich auch Dr. Martin Hengstermann, der in Kahla E-Gitarren aus Carbonbeton entwickelt. Seine ungewöhnlichen Instrumente zeigen, wie Forschung, Materialeigenschaften und unternehmerischer Mut zu Innovation führen können.

In seiner Werkstatt in Kahla lässt Dr. Martin Hengstermann besondere Instrumente entstehen. | Foto: Chris Sommer-Blumenstein

Beton ist schwer, massiv und gehört auf die Baustelle. Eine E-Gitarre dagegen soll leicht und filigran sein, vor allem aber gut klingen. Dass beide Welten zusammenpassen können, wollte Martin Hengstermann aus Kahla beweisen. Der promovierte Maschinenbauingenieur hatte eine Idee: Instrumente aus Carbonbeton.

„Ich habe die Chance für mich persönlich gesehen, etwas zu machen, was so, in dieser Form, niemand sonst macht. Und die Lücke im Markt ist klar. Es gab bisher keine spielbaren E-Gitarren aus Beton. Damit bin ich der Einzige auf der Welt, der das herstellt und verkauft.“

Was zunächst nach einer kuriosen Produktidee klingt, ist bei genauerem Hinsehen ein Beispiel für eine klassische Innovationsfrage: Welche Eigenschaften eines Werkstoffs lassen sich nutzen, wenn man ihn in einem völlig neuen Kontext einsetzt?

Wenn Materialeigenschaften zum Vorteil werden

Hengstermann kam während seines Maschinenbaustudiums und seiner anschließenden Promotion an der TU Dresden mit Carbonbeton in Berührung. Der Baustoff wird dort bereits seit rund zwei Jahrzehnten erforscht. In seinem damaligen Projekt beschäftigte er sich mit der Frage, wie Carbonfasern besser im Beton verankert werden können. Jahre später übertrug er dieses Wissen auf seine Gitarren.

„Ich baue schon lange selbst Gitarren, am Anfang natürlich klassisch aus Holz. Die Carbonfaser sorgt bei mir dafür, dass mein Korpus sehr gut schwingen und klingen kann. Das liegt daran, dass er so schön fest ist, weil er ein hohes E-Modul hat.“

Das E-Modul beschreibt, wie steif ein Material ist: Je höher der Wert, desto weniger verformt es sich unter Belastung. Für die Gitarre ist genau diese Eigenschaft entscheidend. Die Carbonfasern geben dem Korpus die notwendige Stabilität, ohne unnötig Gewicht hinzuzufügen. „Ich hätte die Gitarre auch mit Stahl bewehren können, aber dann wäre sie viel zu schwer geworden. So wiegt sie nun so viel wie eine herkömmliche Holzgitarre.“

Damit wird aus einer Materialeigenschaft ein konkreter Produktvorteil: Carbonbeton ermöglicht eine Konstruktion, die gleichzeitig stabil und leicht ist. Die Innovation liegt dabei nicht im Werkstoff selbst. Carbonbeton wird längst im Bauwesen eingesetzt. Neu ist seine Anwendung als Klangkörper.

Auch für andere Branchen steckt darin eine interessante Perspektive. Innovation bedeutet nicht immer, einen völlig neuen Werkstoff zu entwickeln. Oft entsteht sie, wenn vorhandene Materialien, Technologien oder Forschungsergebnisse auf eine neue Anwendung übertragen werden. Im Carbonbeton ersetzt Carbon beispielsweise die Stahlbewehrung und ermöglicht dadurch langlebige und leichtere Konstruktionen.

Eine neue Anwendung schafft neuen Wert

Bei Hengstermanns Gitarren wird die Materialinnovation gleichzeitig zum wirtschaftlichen Vorteil. Der Markt für handgebaute E-Gitarren ist groß und entsprechend dicht besetzt. Mit einer weiteren Gitarre aus Holz wäre es schwierig, einen vergleichbaren Alleinstellungsgrund zu schaffen. Carbonbeton verändert dagegen die Ausgangslage: Der Werkstoff macht die Gitarre nicht nur technisch einmalig, sondern gibt ihr dadurch auch einen klaren USP. Für Hengstermann ist genau das der Ansatz, um aus einer technischen Besonderheit ein eigenständiges Produkt zu machen.

Dass daraus nicht automatisch ein Massenmarkt entsteht, weiß auch er selbst. „Ich denke nicht, dass in 100 Jahren alle E-Gitarren aus Beton sein sollten. Das sehe ich in der Form nicht als notwendig oder erforderlich.“ Seine Innovation muss also nicht die gesamte Gitarrenbranche verändern. Ihr Wert liegt darin, eine neue Anwendung zu ermöglichen und sich damit vom Wettbewerb abzuheben.

Das fertige Produkt. | Foto: Dr. Hengstermann Guitars

Von der technischen Idee zum Produkt

Hengstermann selbst denkt derweil weiter. Seine Gitarren sollen langfristig nicht Einzelstücke bleiben, sondern perspektivisch in Serie produziert werden. Parallel arbeitet er als Projektleiter bei der Active Fiber Systems GmbH in Jena daran, aus einem Unternehmen, das bislang vor allem individuelle Laser für Forschungseinrichtungen baut, einen Anbieter von Serienprodukten zu entwickeln.

Auch hier zeigt sich die eigentliche Herausforderung von Innovation: Eine technische Idee allein reicht nicht. Sie muss sich in ein Produkt übersetzen lassen, das hergestellt, vermarktet und wirtschaftlich betrieben werden kann. Genau an dieser Schnittstelle zwischen Forschung und Anwendung entscheidet sich, ob aus einer technischen Möglichkeit tatsächlich Innovation wird.

Die Carbonbeton-Gitarre aus Kahla ist dafür ein ungewöhnliches, aber anschauliches Beispiel. Hengstermann hat keinen neuen Werkstoff erfunden. Er hat vorhandenes Wissen über dessen Eigenschaften auf eine neue Anwendung übertragen und daraus einen konkreten Produktvorteil mit Alleinstellungsmerkmal entwickelt. Für Unternehmen steckt darin eine einfache, aber wichtige Frage: Welche Technologien, Materialien oder Forschungsergebnisse sind bereits vorhanden und könnten in einer anderen Anwendung einen neuen Nutzen schaffen?

Share This