Lesedauer: 3 Minuten
Wenn Autos denken lernen: TU Ilmenau forscht an 6G-Sicherheit
Forscher an der Technischen Universität (TU) Ilmenau arbeiten daran, dass selbstfahrende Fahrzeuge ihre Umgebung so präzise erkennen wie kein System zuvor. Die 6G-Technologie dahinter könnte mehr verändern als nur den Straßenverkehr.
Forschungsprojekt BiRaUM – Foto: Michael Reichel
Stellen Sie sich vor: Ein Kinderball rollt auf die Straße. Das Auto bremst – ohne Fahrer, ohne Zögern, ohne Unfall. Was nach Science-Fiction klingt, ist das erklärte Ziel einer Forschungsgruppe, die am Thüringer Innovationszentrum Mobilität der TU Ilmenau gerade ihre Arbeit aufnimmt. Und die Mittel dafür sind alles andere als futuristisch vage: knapp eine Million Euro aus dem Europäischen Sozialfonds Plus, drei Jahre Laufzeit, drei Fachgebiete, ein gemeinsames Ziel.
BiRaUM: Das Projekt hinter der 6G-Forschung in Ilmenau
Das Projekt hört auf den sperrigen Namen „BiRaUM“ – Bistatische Radarsignaturen von Verkehrsobjekten als Bindeglied zwischen Umfelderfassung und Mobilkommunikation. Der Name ist kompliziert. Die Idee dahinter ist es nicht. Automatisierte Fahrzeuge müssen ihre Umgebung kennen: andere Autos, Fahrradfahrer, Fußgänger, Schilder, Leitplanken. Je mehr Daten, desto sicherer. Und genau hier setzt die Forschungsgruppe an – mit der Technologie, die Fachleute unter dem Begriff „Integrated Communications and Sensing“ (ICAS) zusammenfassen.
Dahinter steckt die nächste Generation des Mobilfunks: 6G. Wer jetzt denkt, 5G sei noch nicht mal richtig angekommen, liegt nicht ganz falsch. Aber Wissenschaft denkt in anderen Zeiträumen als der Markt. Und 6G, dessen Markteinführung um 2030 erwartet wird, soll nicht nur schneller und vernetzter sein als alles, was bisher da war – es soll auch „sehen“ können. Ähnlich wie ein Radarsystem soll es die Umgebung erfassen, Objekte identifizieren, Informationen zwischen Fahrzeugen in Echtzeit austauschen.
Wie 6G-Technologie Fahrzeuge sicherer macht
Prof. Thomas Dallmann, der die Forschungsgruppe leitet, formuliert das Ziel seiner Arbeit so nüchtern wie ehrgeizig: Fahrzeuge sollen ihre Umgebung absolut zuverlässig erkennen und alle relevanten Informationen schnell und präzise untereinander austauschen können. Unfälle werden vermieden, der Verkehr fließt flüssiger. Sicher, schnell und komfortabel von A nach B – Mobilität, wie sie sein sollte.
Herzstück der Forschung ist eine Anlage, die man so in Deutschland kaum findet: die „Bistatische Radarreflektivitätsmessanlage BiRa“, eingebettet in die „Virtuelle Straße – Simulations- und Testanlage VISTA“ am Innovationszentrum in Ilmenau. Hier lässt sich messen, wie Funk- und Radarsignale von Objekten reflektiert werden – vom Lieferwagen bis zum Straßenpfosten. Das Problem bisher: Für große, komplex geformte Objekte dauerte die vollständige Vermessung mit herkömmlichen Methoden Wochen, manchmal Monate. Die neue Forschungsgruppe entwickelt deshalb ein vollkommen neues Messverfahren – präzise und schnell zugleich.
An dem Vorhaben beteiligt sind mit Prof. Dallmann, Prof. Matthias Hein und dem erfahrenen Messtechnik-Experten Prof. Reiner Thomä gleich drei ausgewiesene Köpfe der TU Ilmenau. Die Fachgebiete Hochfrequenz- und Mikrowellentechnik, Funktechnologien für Automatisierte und Vernetzte Fahrzeuge sowie Elektronische Messtechnik und Signalverarbeitung arbeiten dabei eng zusammen – von der Datenerhebung bis zur automatisierten Anlagensteuerung.
Von der Straße bis zur Infrastruktur: Einsatzmöglichkeiten der neuen Technologie
Was am Ende dabei herauskommt, könnte weit über den Straßenverkehr hinauswirken. Hersteller, Netzbetreiber und Technologieentwickler werden die Erkenntnisse nutzen können, um neue 6G- und ICAS-Systeme realitätsnah zu testen. Und Prof. Dallmann denkt noch einen Schritt weiter: Dieselbe Technologie, die Autos sicherer macht, könnte Drohnen am Himmel detektieren und kritische Infrastruktur – Krankenhäuser, Kraftwerke – schützen. „Unsere Forschung hat die echte Chance, zur Sicherheit der Bevölkerung hier in Europa beizutragen“, sagt er – und das klingt angesichts der aktuellen Weltlage weniger wie akademischer Optimismus als wie ein nüchternes Versprechen.
Thüringen, das manchmal unterschätzte Forschungsland im Herzen Deutschlands, hat wieder einmal bewiesen: Die großen Fragen der Zukunft werden nicht nur in München oder Hamburg gestellt. Manchmal auch in Ilmenau. (tl)
