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Ferngas Netzgesellschaft
Ferngas Netzgesellschaft: Gasleitung wird fit für die Zukunft – Umstellung auf Wasserstofftechnologie
Die Dekarbonisierung der Energieversorgung gehört zu den zentralen Herausforderungen unserer Zeit – politisch gewollt, gesellschaftlich gefordert und wirtschaftlich zunehmend attraktiv. Um die ambitionierten Klimaziele zu erreichen, wird der Einsatz erneuerbarer Energien allein nicht ausreichen. Es braucht auch eine effiziente Nutzung bereits bestehender Infrastrukturen.
Der so genannte Molch – ein Leitungsprüfgerät – wird über die Molchschleuse in die Rohrleitung eingebracht | Foto: Ferngas Netzgesellschaft mbH
Besonders das Gasnetz – über Jahrzehnte aufgebaut und zuverlässig – bietet enormes Potenzial: Mit überschaubarem Aufwand lässt es sich für den Transport von Wasserstoff umrüsten. Diese Transformation macht aus einem fossilen System eine tragende Säule der künftigen Wasserstoffwirtschaft – und eröffnet Industrie, Netzbetreibern und Investoren neue Perspektiven für nachhaltiges Wachstum.
Allgemeine Infos zum Projekt
Die Thüringer Anbindungsleitung 437 (kurz TH2AL 437) ist Teil des deutschlandweiten Wasserstoff-Kernnetzes, das am 22. Oktober 2024 von der Bundesnetzagentur genehmigt wurde. Bis 2032 entsteht daraus das größte Wasserstoffnetz Europas – ein wichtiger Baustein für das klimaneutrale Energiesystem der Zukunft.
Im Rahmen dieses Projekts wird die bestehende Erdgasleitung 437 des Netzbetreibers Ferngas auf den Transport von Wasserstoff umgerüstet. Der Vorteil liegt darin, dass die Umrüstung deutlich kostengünstiger ist als ein Neubau. Ein weiterer Vorteil sind bei einer Umwidmung bestehender Systeme die einfacheren Genehmigungsverfahren, sodass die Projekte schneller umsetzbar sind. Für neu zu bauende Leitungen können allerdings gegebenenfalls Planfeststellungsverfahren erforderlich sein.
Bis 2027 soll die 74 Kilometer lange Pipeline mit Wasserstoff in Betrieb genommen werden. Vom Norden aus Bad Lauchstädt kommend, versorgt sie dann unter anderem den thüringischen Hochtechnologiestandort Jena und sein Heizkraftwerk. Die Leitung ist bidirektional ausgelegt, was bedeutet, dass das Gas beziehungsweise der Wasserstoff in beide Richtungen transportiert werden kann. Dadurch kann sie flexibel in die Netzsteuerung eingebunden werden und beispielsweise den Gasspeicher in Bad Lauchstädt im Sommer befüllen und im Winter aus ihm beziehen.
Im Süden bindet die TH2AL 437 an das FLOW-System an, welches als horizontale Hauptachse die künftige Wasserstoffversorgung im Freistaat Thüringen sichern soll. Mit einem Nenndurchmesser von 600 Millimetern und einem derzeit geplanten Druck von 63 bar kann die Ferngas-Leitung so viel Energie transportieren wie einem Leistungsäquivalent von vier bis fünf modernen Atomkraftwerken entspricht.
Vorbereitungen haben begonnen
Mit der Genehmigung des Wasserstoff-Kernnetzes fiel der offizielle Startschuss – auch beim Netzbetreiber Ferngas begannen daraufhin die konkreten Vorbereitungen. Rund 60 Prozent der 9.040 Leitungskilometer, aus denen sich das Kernnetz zusammensetzt, sind sogenannte Umstellungsleitungen. Dazu sollen Gasleitungen, die bisher mit Erdgas betrieben wurden, für Wasserstoff genutzt werden – das spart Ressourcen und die Eingriffe in die Umwelt werden deutlich reduziert.
Die Umstellung auf Wasserstoff erfolgt in enger Abstimmung mit Sachverständigen gemäß der Gashochdruckleitungsverordnung und folgt einem klar strukturierten Ablauf:
- Dokumentationsprüfung
- Leitungsinspektion
- Technische Anpassung
- Behördliche Genehmigung
- Begasung mit Wasserstoff
Leitungsinspektion
In diesem Artikel geht es um die Inspektion von Transportleitungen aus Stahl. Grundvoraussetzung für eine Wasserstoffumstellung ist die technische Eignung des Systems. Für jede umzustellende Leitung wird ein individuelles Pflichtenheft erstellt, das alle sicherheitsrelevanten Prüf- und Anpassungspunkte enthält. Dazu zählen auch Laboranalysen – etwa stichprobenartige Untersuchungen von Umfangsnähten oder Werkstoffproben.
Ein zentrales Prüfmittel ist der sogenannte Molch – ein Inspektionsgerät, das durch die Leitung geführt wird. Vor dem eigentlichen Molchgang musste im Projekt der TH2AL 437 zunächst geprüft werden, ob die Leitung „molchbar“ ist. Die Dokumentationsprüfung ergab:
1.) Überprüfung eines T-Stücks auf Vorhandensein eines Molch-Leitblechs
2.) Kontrolle eines Rohrbogens, der lt. Dokumentation einen zu engen Radius aufgewiesen hätte.
In beiden Fällen konnten die potenziellen Hindernisse ausgeschlossen werden.
Im Sommer 2025 begannen die Untersuchungen und die Leitung wurde zunächst mit Reinigungsmolchen auf den intelligenten Molchlauf vorbereitet. Die zur Reinigung eingesetzten Molche füllen den gesamten Querschnitt aus und werden über eine Druckschleuse in das Rohrsystem eingebracht. (siehe großes Foto).
Wasserstoff-Kernnetz-Projekt der Ferngas Netzgesellschaft – Verlauf der TH2AL 437| Foto: Ferngas Netzgesellschaft mbH
Im Anschluss an die Reinigung kommt der sogenannte intelligente Molch zum Einsatz. Dieses Hightech-Gerät wird vom Gasstrom durch die Leitung transportiert und nimmt währenddessen kontinuierlich Daten zum Zustand der Leitung auf – etwa hinsichtlich Korrosion, Dellen oder Rissen. Die Untersuchung erfolgt in situ, das heißt ohne Aufgrabungen entlang der Trasse.
Am Ende entsteht ein präzises Bild über den technischen Zustand der Leitung – und die Grundlage für die nächste Phase der Umstellung.
Was kommt als Nächstes?
Parallel zur Datenauswertung laufen derzeit weitere vorbereitende Maßnahmen – darunter laufende Ausschreibungen sowie archäologische Fachprüfungen entlang der geplanten Trasse. Das Projekt liegt im Zeitplan. Die planerische Inbetriebnahme für das Projekt TH2AL 437 ist für Ende 2027 vorgesehen.
Mit der TH2AL 437 zeigt sich beispielhaft, wie bestehende Infrastrukturen zukunftssicher gemacht werden können. Das Projekt verbindet Klimaschutz, Versorgungssicherheit und Wirtschaftlichkeit. Für Mitteldeutschland bedeutet das mehr Versorgungssicherheit, neue Wachstumsimpulse und einen entscheidenden Schritt Richtung Wasserstoffwirtschaft von morgen.

